[HILLS] AKADEMY: Laufen mit Watt. Hype oder Revolution?

Aktualisiert: Apr 11




Nach dem Lesen der Überschrift sollte klar sein, worum es sich hierbei genau geht. Die Rede ist natürlich vom Training mit Watt. Die Radsportler könnten sich an dieser Stelle verwirrt am Kopf kratzen und die Frage in den Raum werfen – „Was ist daran denn bitte neu?“. Absolut berechtigter Punkt! Das Einbeziehen der Watt zur Intensitätssteuerung gehört im Radsport bereits lange Zeit zum grundlegenden Training- ABC. Diese kann am Rad inzwischen relativ leicht und absolut akkurat mittels Wattmesser bestimmt werden. Häufig passiert dies an den Pedalen oder der Kurbel, wo die Kraft gemessen wird, die wir auf die Pedale bringen. Am Bildschirm unseres Trainingscomputers bekommen wir dann also eine Wattzahl ausgespuckt. Diese Zahl spiegelt in weiterer Folge unsere Arbeitsleistung (unabhängig vom Gelände) wider und wird deutlich weniger von externen Faktoren beeinflusst, als das bei Herzfrequenz oder Geschwindigkeit der Fall sein kann. Letzteres hat dazu geführt, dass der Radsport mit der Einführung von Wattsensoren einen absoluten Quantensprung in der Trainingssteuerung gemacht hat. Wer etwas auf sich hält, trainiert mit Watt! Soviel hätten w


ir also geklärt, Zeit für den nächsten Schritt.


Was genau ist denn Watt überhaupt? Viele reden drüber, wenige verstehen’s auch. Hier also eine kurze Auffrischung der zu Grunde liegenden Physik hinter dem Ganzen: Watt ist die Einheit der Leistung und diese ist definiert als das Produkt aus Kraft und Geschwindigkeit (oder auch Arbeit/Zeit). Reden wir von Kraft, dann ist diese in der Physik wiederum definiert als das Produkt aus Masse und Beschleunigung. Bewegen wir einen Körper in sehr kurzer Zeit relativ schnell (zb ein kurzer, harter Antritt am Rad), dann entspricht das also einem verhältnismäßig hohen Kraftaufwand. Zur Bestimmung der Leistung müssen wir nun also nur noch die Variable der Geschwindigkeit miteinbeziehen. Das Messen all dieser Parameter übernimmt am Rad glücklicherweise der Wattmesser für uns. Wattmesser funktionieren in der Regel mittels Dehnmessstreifen, die sich bei Belastung verformen und den elektrischen Widerstand aufzeichnen. Das Ausmaß dieser Verformung definiert in weiterer Folge unsere Wattleistung und diese unsere Arbeitsleistung über einen bestimmten Zeitraum.


Was ist nun aber die Laufleistung? Und wie ist diese definiert? Bereits vorweg - eine völlig andere Geschichte zeichnet sich ab, wenn wir uns dem Laufsport zuwenden! Das liegt primär daran, dass wir uns, anders als am Rad, viel mehr in allen 3 Dimensionen (vertikal, horizontal und seitlich) bewegen. Genau genommen macht es dieser Aspekt des Laufens scheinbar unmöglich die tatsächliche Leistung per se zu „messen“. Eine Vielzahl an Parametern muss bei der Laufbewegung berücksichtigt und somit auch gemessen beziehungsweise quantifiziert werden. Speziell beim Traillaufen wird die Komplexität dieser Parameter nochmal auf ein völlig neues Level gehoben. „Laufen ist doch einfach nur linker Fuß vor rechtem Fuß, oder?!“. Nun, ja und nein. Werfen wir an diesem Punkt nämlich einmal einen Blick darauf, wie die Laufleitung konkret definiert ist, zeigt sich ein etwas komplexerer Sachverhalt:


Easy peasy lemonsqueezy, oder? Gut, dann sprechen wir ja dieselbe Sprache.

Nun gibt es am Markt inzwischen jedoch eine Vielzahl an Sensoren und Tools, die behaupten es zu schaffen all diese Parameter zu berücksichtigen und Wattmesser für den Laufsport anbieten. „Meine Uhr zeigt mir meine Watt jetzt schon an, wenn ich laufen bin“ könnten manche von euch sagen… und jetzt? An diesem Punkt fällt es etwas schwer, Fakt von Fiktion mit absoluter Sicherheit unterscheiden zu können. Wer behauptet die Laufleistung zu messen, errechnet diese tatsächlich nämlich viel mehr aus anderen Variablen, die mit der Leistung indirekt in Verbindung stehen. Primär sind das Geschwindigkeits- und Beschleunigungsdaten, die am Fuß, am Handgelenk oder einem Brustgurt gemessen werden. Diese Daten werden dann in weiterer Folge verarbeitet und in teils unbekannte Algorithmen integriert.


Alles nur noch Bahnhof? Dann hier nochmal die Kernaussage der ganzen Geschichte: Wattmesser am Rad sind dazu in der Lage die tatsächlich erbrachte Arbeitsleistung zu messen, während Laufsensoren diese lediglich aus Bewegungsdaten errechnen!


Zu welchem Schluss lässt uns das bisher Gesagte nun aber kommen? Sensoren wie der Stryd™ und ähnliche wirken durch seine Einfachheit in der Anwendung natürlich extrem sexy. Durch die indirekte Herangehensweise der Laufsensoren zur Bestimmung der Laufleistung ist diese gleichzeitig jedoch alles andere als verlässlich. Hat die Schuhwahl einen potentiellen Einfluss auf die Ausgabewerte? Daten die am Handgelenk gemessen werden sind zum Beispiel maßgeblich von der Handhaltung des Läufers/der Läuferin abhängig. Sind die Daten bei eines 2 Meter-Hünen ebenso reliabel wie die eines Gartenzwerges? All diese Fragen können wir zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht mit Sicherheit beantworten. Wir können jedoch mit berechtigter Sicherheit mutmaßen, dass die errechneten Daten in bestimmten Szenarien wohl recht gut zur Trainingssteuerung herangezogen werden können und grundsätzlich auch das widerspiegeln, was sie behaupten zu tun (nämlich „wie hoch ist meine momentane Anstrengung in Relation zu meiner Maximalleistung?“). Gleichzeitig ist aber auch davon auszugehen, dass diese unsere tatsächlich erbrachte Arbeitsleistung in manch anderen Situationen merklich über- oder unterschätzen. Viele Faktoren des Traillaufens spielen hier mit hinein. Der Wechsel zwischen Laufen und Gehen scheint schlecht bis gar nicht von den Sensoren unterschieden werden zu können. Die beiden Bewegungsformen stellen jedoch grundlegend verschiedene Anforderungen an unseren Körper, da wir bei beiden etwas andere Muskelgruppen beanspruchen. Selbes zeigt sich bei Variationen im Untergrund. Laufen im Uphill fordert primär unser kardiovaskuläres System. Im Gegensatz dazu beanspruchen wir während eines harten Downhills in allererster Linie unsere Muskulatur (if you know, you know). Ist die körperliche Beanspruchung von 300 Watt im Uphill nun also gleichzusetzen mit der von 300 Watt im Downhill? Wohl eher nicht… und spätestens hier scheint es so, als würde das Hinzuziehen der Laufleistung zu einem gewissen Teil seinen Mehrwert verlieren.


Fazit? Die Aussichten, Watt als „neuen“ Trainingsparameter zu haben, sind definitiv am Horizont sichtbar. Diese Entwicklung als reinen Medienhype abzutun wäre somit ein absoluter Fehler. Aktuell scheint es noch so, als wären bereitgestellte Werte mehr Abschätzungen und Annäherungen an die tatsächlich erbrachte Arbeitsleistung. Ob diese genau genug sind, um auch als verlässliches Trainingstool zu dienen wird sich wohl in naher Zukunft weisen. Ebenso wird sich zeigen, ob ein einzelner Wattwert dazu in der Lage sein kann, die aktuell gängigen Parameter, wie Herzfrequenz und RPE, vollständig zu ersetzen. Nach eigenen Abschätzungen wird die erste Einführung von Watt in den Laufsport wohl vorerst im Straßenlauf passieren, da es hier deutlich weniger Variabilität in externen Faktoren gibt und Daten somit akkurater zu erfassen sein dürften. Im Traillaufen könnte es jedoch notwendig sein, eine andere methodische Herangehensweise an den Tag zu legen, um auch hier merkliche Wellen schlagen zu können. Vielleicht in Form einer speziellen „Kraftmess-Einlagesohle“? We’ll see…


Bleiben wir also gespannt, in welche Richtung sich die Geschichte in den kommenden Jahren entwickeln wird. Wer offen und interessiert ist, sich bereits jetzt mit dem Thema Watt zu befassen, kann mit Sicherheit interessante Schlüsse daraus ziehen. Wer erste Schritte in diese Richtung machen möchte, sollte mal einen Blick auf den bereits erwähnten Stryd™, die Polar Vantage V2 oder die Running Power von Garmin werfen. Wir sollten dabei jedoch niemals vergessen, dass „Training“ ein vielschichtiges Konstrukt darstellt und eine einzelne Zahl am Bildschirm dieses somit niemals zur Gänze abbilden können wird!


Denn Spaß kann man ja bekanntlich nicht in Sekunden messen… und demnach auch nicht in Watt ✌

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